Trilogisches aus dem Archiv

Irren ist menschlich - eine wissenschaftliche Reihe von Robert Pleich /Physiker

Wir haben für Sie noch einmal in unserem über 30jährigen Fundus nachgeschaut und zu diesem Thema passend erneut hier aufgeschrieben:Wir haben für Sie noch einmal in unserem über 30jährigen Fundus nachgeschaut und zu diesem Thema passend erneut hier aufgeschrieben:


Subjektive Wahrnehmung - bewegte Kreise

Schauen Sie auf den zentralen schwarzen Punkt des Bildes, dann werden Sie durch Vor- und Zurückbewegen des Kopfes eine überraschende Bewegung der Kreise sehen. Diese Bewegung ist rein subjektiv und relativ zur eigenen Bewegung. Ein Streit um die „Realität“ der wahrgenommenen Bewegung ist wohl nicht sehr lohnend. 

Jeder von uns hat schon subjektive Wahrnehmungen als Wahrheiten verteidigt und eventuell auch schon einige „Niederlagen“ einstecken müssen („Da muß ich mich wohl getäuscht haben!). Ist es überhaupt möglich, zu so etwas wie einer objektiven „Wahr“nehmung zu gelangen? Muß man hier nicht zwischen Wahrnehmung und ihrer Interpretation unterscheiden?

Neuere Erkenntnisse der Naturwissenschaft zeigen jedoch, daß diese Unterscheidung kaum möglich ist. Unser Körper reduziert den gewaltigen Informationsstrom unserer Wahrnehmung - ohne unser bewußtes Zutun - auf ein dünnes Rinnsal von „relevanten“ Daten. Danach werden diese wenigen Daten wieder mit persönlichen Assoziationen und Erfahrungen verknüpft und führen dann zur entsprechenden Reaktion (z.B. mimisch oder sprachlich). Die extrem schnelle Datenreduktion und Vorverarbeitung zwischen unseren Sinnen und unserem Bewußtsein war und ist überlebenswichtig. Die Natur ist nicht sehr tolerant mit Wesen, die eine Gefahr zu spät erkennen bzw. vermeiden. Die heutige Robotertechnologie versucht durch sogenannte schnelle Mustererkennung die Natur nachzuahmen. Bisher allerdings mit recht bescheidenem Erfolg.

Ein weiterer Aspekt der Wahrnehmung ist die moderne Erkenntnis der Beeinflussung des Beobachters auf das Beobachtete. Nicht nur in der Psychologie (Wer sich beobachtet fühlt, verhält sich anders), sondern auch in der Naturwissenschaft wird es immer wichtiger, den Beobachter als beeinflussenden Teil des Gesamtsystem zu sehen.

Zusammengefaßt kann man sagen, daß Wahrnehmung viel mehr mit aktiver „Konstruktion“ zu tun hat als noch vor einigen Jahrzehnten geglaubt wurde.

Natürlich können auch schon in der filternden Vorverarbeitung von Wahrnehmung Irrtümer und Mißinterpretationen entstehen. Die Hauptquelle von Fehlern ist allerdings das menschliche Nachinterpretieren weniger von Wahrnehmungen selbst als von Erinnerungen an diese. Auch dabei fließen wieder eigene erlernte Erfahrungen und Glaubenssätze mit ein. Stimmen zwei Sichten desselben Ereignisses anscheinend nicht überein, dann kann man zwei verbreitete Reaktionen sehen:

  • Streit, wessen Meinung oder Interpretation die einzig wahre ist
  • Konfliktvermeidung, indem man jede Sicht für akzeptabel und gültig hält

Meine Empfehlung liegt, wie so oft, dazwischen. Wie in dem uralten Gleichnis von den Blinden, die einen Elefanten beschreiben sollen, muß man jeden Blickwinkel für wichtig halten (Das Ding ist wie eine Schlange, Säule, Faß etc.) um die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn man Glück hat, kommt als verbindende Erkenntnis der Elefant heraus. Aber man kann sich auch irren ...

Quelle: ELEMENTI Herbst 2002 Nr. 15 


 

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