Trilogisches aus dem Archiv

Ich lebe - Grenzen der Psychosomatik

Mit einem Blick zurück in unsere Beiträge und Veröffentlichungen, die wir über 30 Jahre sorgsam gesammelt und verwaltet haben, rücken wir in dieser Rubrik etwas erneut in den Focus, das sich in idealer Weise passend zu unserem Monatsthema anbietet, erneut beachtet zu werden:


Aus einer Reihe von Dr. med. Tönet Töndury / Herbst 2004

"Psychosomatisch" - ein häufig verwendeter, häufig auch missverstandener Begriff, um anzudeuten, dass eine Krankheitserscheinung "nur" psychische Ursache habe und deshalb keine "richtige" Krankheit sei. Dabei sind Seele und Körper ein unzertrennliches Paar. Sie agieren und reagieren immer gemeinsam, - sie kommunizieren miteinander - beide sind stets Ursache und Wirkung in einem: Gesundsein ist deshalb "psychosomatisch", genau so wie jedes Kranksein.

Versuch einer einführenden Darstellung auch anhand des Märchens "Jorinde und Joringel" der Brüder Grimm

Die Rolle der Psychosomatik in der wissenschaftlichen Krankheitslehre

Psychosomatik ist die Wissenschaft von der Bedeutung seelischer Vorgänge für Entstehung und Verlauf körperlicher Krankheiten. Sie untersucht die Zusammenhänge zwischen Seele und Körper und postuliert allein durch ihre Existenz, dass es diese Zusammenhänge gibt. Für den gewöhnlichen Menschen ist dieses Postulat eine Binsenwahrheit: Jeder weiss, dass die Seele Einfluss auf den Körper nimmt – fast jeder, denn gerade die moderne Medizin hat sich lange gegen diese Zusammenhänge gewehrt, sie mit Heftigkeit bestritten oder ganz einfach ignoriert. Psychosomatiker galten/gelten als Schwachstromärzte, die wissenschaftlich nicht ernst zu nehmen sind, denn körperliche Krankheiten waren/sind mit körperlichen Therapien zu kurieren und nicht mit der Förderung des seelischen Wohlbefindens. Die krassen Spuren dieser ablehnenden Haltung haben sich tief in unser Gesundheitswesen eingefressen. Wir bekommen sie einerseits bei den Leistungen der Kranken-kassen zu spüren, die körperliche Massnahmen widerstandslos bezahlen und sich bei Massnahmen zur Förderung der seelischen Befindlichkeit äusserst zurückhaltend geben. Andererseits fördert diese Einseitigkeit und Einäugigkeit der modernen Medizin die Ausbreitung alternativer Behandlungsmethoden und überlässt sie medizinischen Laien, weil die Schulmedizin dafür keine Ausbildung vorsieht. Schade – denn dem Wildwuchs alternativer Therapien wäre genau so Einhalt zu gebieten wie der Entwicklung von immer spezielleren und aufwändigeren Techniken und Medikamenten, die nur (körperliche) Symptome angehen und die Krankheit als Ganzes in ihrem psychischen, sozialen und ökologischen Zusammenhang ausser Acht lassen.

Körper, Seele, soziale Mitwelt, ökologische Mitwelt – ein fliessendes Ganzes

Jeder Lebende hat einen Körper (Soma) und eine Seele (Psyche). Er ist zudem (Bestand)Teil der sozialen Mitwelt (Familie, Freunde, Arbeitswelt, Gesellschaft) und der Natur. Er kann nicht auf einen einzelnen Aspekt seiner Existenz re-duziert werden, noch kann er einen einzelnen Aspekt aus seinem Leben aus-blenden. Alle Aspekte stehen in einem fliessenden, dynamischen Zusammen-hang. Dieses Fliessen und gegenseitige Einfluss Nehmen ist so selbst-verständlich, dass es uns gar nicht richtig bewusst ist. Wir nehmen es erst zur Kenntnis, wenn es ins Stocken gerät, das dynamische Gleichgewicht gestört wird. Tritt an einer Stelle unserer Existenz eine Veränderung ein, so hat sie Einfluss auf den ganzen Menschen. Über Gesundheit schädigende Umwelt-einflüsse (Luftverschmutzung, verseuchtes Wasser, überdüngte Böden, Elektrosmog) und soziale Einflüsse (Stress, Mobbing, Vereinsamung) nachzudenken und zu diskutieren, ist wesentlich einfacher als sich der Seele zuzuwenden und ihren Einfluss auf die körperliche Gesundheit zu erkennen. Das Suchen und Erkennen der seelischen Hintergründe heisst Anerkennen der Eigenverantwortung und dieser stellt sich niemand gerne. Wir wollen aber in diesem Zusammenhang Umwelt- und Sozialmedizin bewusst ausklammern.

Wie Körper und Seele zusammenfinden

Wird ein Kind geboren, ist es ganz Körper. Die körperlichen Bedürfnisse bestimmen das Verhalten des Neugeborenen: Hat es Hunger, so ist es wach, angespannt und schreit. Ist es gesättigt und die beim Trinken verschluckte Luft aus dem Magen wieder entwichen, so wirkt es schwer und zufrieden und schläft. Kein Geräusch, kein Licht kann es stören. Die mütterliche Brust ist der angenehme Nahrungsspender, sofern die Milch fliesst und die hungrige Gier rasch stillt. Das Kind akzeptiert mit gleicher Saugintensität auch den Schoppen-zapfen, wenn die Brust keine Milch gibt, und gedeiht genau so gut. Für den Körper und sein Wachstum braucht es auch die körperliche Nähe der Mutter nicht: Man denke nur an die vielen zu früh Geborenen, die ihre ersten Lebens-tage im Schutze einer wärmenden Isolette verbringen müssen, in die nur desinfizierte Hände greifen können. Schreien ist das Zeichen körperlichen Missbehagens, das reflexartige akustische Signal an die Sorgenden, dem hilflosen Körper zu geben, was er braucht und sich nicht selber beschaffen kann.

In diesem kleinen, auf Nahrungsaufnahme und Verdauung, auf Wachstum seiner Masse ausgerichteten Körperlein steckt als wunderbar geheimnisvolle Knospe die Seele. Sie hat sich diesen Körper ausgesucht, seine Entstehung vielleicht sogar veranlasst, um sich an diesem Ort und zu dieser Zeit mit diesen Menschen zu verbinden, unter und mit ihnen zu leben und den Reichtum dieses Planeten zu erfahren. In der kleinen noch verschlossenen Knospe steckt alles, was aus dem teilnahmslosen Vegetieren ein wahrnehmendes und teilneh-mendes Leben macht. Langsam nur öffnet sich die Knospe zur Blüte, entfaltet ihre Qualitäten, die sie aus dem Jenseits, aus der Weltenseele mitgebracht hat. Erste Zeichen sind das Erkennen der Eltern und der Ausdruck der Freude, aber auch das Fremden vor Unbekanntem und der Ausdruck der Ablehnung.

Wie sich die Seele verständigt

Den Ausdruck der Kinderseele können die Mitmenschen nur ahnen, vielleicht intuitiv erfassen, aber die Seele hat keine eigene "Sprache", mit der sie sich und ihre Anliegen unmissverständlich mitteilen könnte. Um sich der Mitwelt verständlich zu machen, bedient sie sich deshalb des Körpers, seiner Motorik und seines mimischen und akustischen Ausdrucks: Zum Anzeigen der Freude werden die Mundwinkel nach hinten gezogen, der Mund leicht geöffnet und gurrende Laute, bald einmal Jauchzer produziert, ein "psychosomatischer" Jauchzer. Als Anzeige der Ablehnung dienen das Aufsperren des Mundes, das Zusammenkneifen der Augen und das Ausstossen durchdringender Schreie, "psychosomatische" Schreie. In beiden Situationen weisen das ruckartige Bewegen der Ärmchen und das Strampeln mit den Beinchen auf Anstrengung und Aufregung hin, die diese frühe Art der Kommunikation verursacht. Mit der fortschreitenden psychomotorischen Entwicklung lernt der Körper die Zeichen der Seele immer differenzierter zu erkennen und auch differenzierter wieder-zugeben. Besonders die Sprache, aber auch Körperhaltung, Mimik und die vegetativen Körperfunktionen (Atmung, Herzschlag, Hautdurchblutung, Verdau-ung, Ausscheidung) werden zu bewussten oder unbewussten Hilfsmitteln des seelischen Ausdrucks. Seele und Körper finden zusammen, die Anonymität des Neugeborenen weicht der Individualität, dem noch unbeeinflussbaren Charak-ter. Das gesunde Kleinkind in harmonischem Umfeld ist vollkommen, ist Seele und Körper in Einem und verfügt über eine weit offene Verbindung zu seinem Geistigen Ursprung.

Im Märchen "Jorinde und Joringel" der Brüder Grimm heisst das so:

"Nun war einmal eine Jungfrau, die hiess Jorinde: sie war schöner als alle andern Mädchen. Die und dann ein gar schöner Jüngling, namens Joringel, hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr grösstes Vergnügen eins am andern."

Wie sich Körper und Seele entfremden

Dieses "Vergnügen" könnte wohl anhalten, wenn sich nicht der Verstand entwickeln und einschalten würde. Der Verstand, körperlich im Gehirn ange-siedelt, wird zum (Kommunikations-) Zentrum zwischen Seele, Körper und Mitwelt. Er nimmt wahr, verarbeitet und setzt um, was ihm an Reizen aus Seele, Körper und Mitwelt zukommt. Er lernt durch die Aneignung fremder, äusserer Einflüsse und irritiert und stört in der Folge die kindliche, in sich ruhende Har-monie. Dank seiner Lernfähigkeit ist der Verstand beeinflussbar, oder: wegen seiner Beeinflussbarkeit ist der Verstand lernfähig. Dies macht sich die Gesell-schaft zu Nutze. Mit Zucker und Peitsche, Lob und Tadel und durch ihr unvoll-kommenes Vorbild versuchen erst die Eltern, später die Lehrer und immer mehr Menschen das einst in sich vollendete Kind zu verformen und in die Scha-blonen der Gesellschaft zu pressen.

Das Kind braucht für sein Wohlbefinden Lob, Annahme und Liebe und eignet sich deshalb diejenigen Verhaltensformen an, für die es den "Zucker" be-kommt: gefälliges Benehmen und angepasste Werthaltungen, Lerneifer und Arbeitstüchtigkeit, immer vernünftig und keine Tränen. Nichtwissen oder besseres Wissen, Angst und Schmerz werden versteckt aus Respekt vor der "Peitsche": Einfügen in die gesellschaftlichen Regeln, Erfüllen aller Vorurteile darüber, was sich gehört. Ein Musterkind könnte es sein, wenn die Vorbilder nicht selber so unvollkommen und voller Widersprüche wären, und wenn auf seiner Schulter nicht sein persönliches Teufelchen sässe und ihm Eigensinn, Provokation, und kleine Bosheiten einflüsterte, die die gesellschaftlichen Regeln stören, ihre Festigkeit testen und unverständliche Strafaktionen auslösen.

Die Entwicklung ist deshalb kein ruhiges, idyllisches Fahrwasser, das das Kind bequem und sicher in und durch sein Erwachsensein trägt. Sie gleicht eher einem unberechenbaren Bergbach, der munter springt, wenn das Gelände steil ist, sich wild überwirft, wenn der Grund uneben ist, unangenehm spritzt, wenn sich ihm ein Stein in den Weg stellt, und fast stillsteht, träge Lachen bildet, wenn er eine Ebene durchquert. Dieses Wildwasserfahren ist nicht immer angenehm und schon gar nicht bequem und hinterlässt nebst abenteuerlichen Erinnerungen auch Schrunden und Narben.

Wie die Seele weggesperrt wird und der Körper erstarrt

Dem Kind müssen die Anforderungen, die von den Mitmenschen an es gestellt werden, wie ein wundersamer Irrgarten vorkommen, aus dem es kein Ent-rinnen gibt. Irgendwo darin versteckt, unsichtbar und unvorstellbar sind die Wertvorstellungen, deren Erfüllung den Ausgang aus dem Irrgarten öffnet und somit das Ziel aller erzieherischen Massnahme ist. Aber wie gelangt man zu diesem Ziel?! Die vielen, vielen Wege beginnen meist verheissungsvoll, enden aber abrupt als Sackgasse. Die Wegweiser zeigen in allen Richtungen und verunsichern den inneren Kompass, lassen seine Nadel im Kreise drehen. Je mehr sich das Kind und junge Erwachsene um den richtigen Weg bemüht, seine Aufmerksamkeit voller guter Absicht auf die Umgebung richtet, desto mehr vernachlässigt es die Zwiesprache mit seiner Seele, immer seltener achtet es auf ihre Botschaft. Die Seele wird in einen innern Raum weggesperrt, damit das Gesellschaftliche besser funktioniert, aber auch um sie vor Ver-letzungen zu schützen.

Im Märchen "Jorinde und Joringel" der Brüder Grimm heisst das so:

"Es war einmal ein altes Schloss in einem grossen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war die Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritt dem Schloss nahe kam, so musste er stillstehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach. Wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse."

"Damit Jorinde und Joringel einsmalen vertraut miteinander reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. "Hüte dich", sagte Joringel, "dass du nicht so nahe ans Schloss kommst." Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen. Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte; Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen: sie sahen sich um, waren irre und wussten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang. Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang: "Zicküth! Zicküth!" Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal: "Schu, hu, hu, hu." Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuss regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: grosse rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: "Grüss dich, Zachiel, wenns Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel zu guter Stund." Da wurde Joringel los."

Wie ob der gesellschaftlichen Pflichterfüllungen die Bedürfnisse der Seele vergessen werden

Joringel tat jetzt, was wir alle tun: "Er ging fort und kam in ein fremdes Dorf: Da hütete er die Schafe lange Zeit."

Wir gliedern uns in die Gemeinschaft ein und bemühen uns, darin den uns lohnenden Platz zu finden. Wir eignen uns viel Wissen an und lernen nebenbei den Ehrgeiz kennen, den Wettstreit um die bessere Position, die Olympiade, die nur diejenigen mit einer Medaille beschenkt, die hart und pausenlos trainieren, dem Körper mehr abverlangen, als er zu geben beschaffen ist, nur ein Ziel im Auge haben: Gewinnen. Trainer und Publikum schwingen die Peitsche bereits im Voraus, sie soll Ansporn sein, lässt aber dem Sportler keine Verschnauf- und Besinnungspause. Wer gewinnt (das sind ganz wenige), wird bejubelt. Wer nicht gewinnt (das sind die allermeisten), wird ausgebuht, kritisiert, in die Grube der Vergessenheit versenkt. Alle aber bemühen sich, nehmen die unverhältnis-mässig grossen Strapazen auf sich und verdrängen die seelischen Bedürf-nisse: Innere Leere macht sich bemerkbar, wenn die äussere Geschäftigkeit einmal ruht.

Wie sich die Seele meldet

Wir alle würden zu leeren Hüllen, wenn die Seele nicht gelernt hätte, sich dem Verstand über körperliche Zeichen und – indirekt – über äussere Begeben-heiten ins Bewusstsein zu rufen. Die Müdigkeit ist das häufigste, das regel-mässige, das normale Zeichen, von allen grundsätzlich akzeptiert. Sie zwingt zum Schlaf, zum vollständigen Unterbruch der Kommunikation mit Körper und Aussenwelt: es erlöscht die bewusste Wahrnehmung, es schweigen die Ge-danken, es entspannt sich der Körper – es öffnet sich der Zugang zur Seele.

Meist aber genügt der Schlaf nicht, um die Botschaft der Seele dem Verstand nachhaltig einzuimpfen. Es braucht dazu psychosomatische Leiden und Zwi-schenfälle, deutliche und wiederholte Störungen in der täglichen Routine: Die kleine Grippe, der verpasste Zug, der ausbleibende Auftrag, sie zwingen zum hilflosen Nichtstun, schenken Zeit zum Nachdenken, schaffen Platz für neue Gelegenheiten und Erfahrungen. Der Tod der Eltern, er fordert auf zur Versöh-nung mit und Loslösung von der Vergangenheit. Der Rausschmiss aus Schule und Arbeitsplatz, die Scheidung, sie zwingen zur Neuorientierung, öffnen andere Perspektiven. Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, sie weisen auf die Endlichkeit des biologischen Lebens, laden dazu ein die grossen, die wesentlichen Zusammenhänge zu suchen und anzuerkennen. Die Altersmüdigkeit, die Schwerhörigkeit, die Sehbehinderung, die Demenz, sie helfen die Aufmerksam-keit gegen innen zu richten, die ablenkenden äusseren Reize zu missachten. Immer wieder und mit unterschiedlicher Deutlichkeit meldet die Seele ihre Bedürfnisse, die in der Lebensführung zuwenig Beachtung finden, und setzt dazu körperliche, oft auch soziale Zeichen. Es wächst die Sehnsucht nach dem Wahren Sein, nach der Übereinstimmung mit der Seele.

Im Märchen "Jorinde und Joringel" der Brüder Grimm heisst das so:

"Oft ging Joringel rund um das Schloss herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne grosse Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände: er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein grosser Tautropfen, so gross wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloss. Wie er bis auf hundert Schritt nahe bis zum Schloss kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähme: endlich hörte er’s. Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich an sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, merkte er, dass die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib: nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefasst, so schön, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen."

So sind Seele und Körper wieder eins, wie sie es am Anfang waren, bis das Selbst ganz Seele wird und der Körper durch den Tod seine Bestandteile an die Natur zurückgibt. Dann ist die Seele frei und benützt – bereichert von ihrem irdischen Leben – die weit offene Verbindung zu ihrem Geistigen Ursprung für die Rückkehr in die Weltenseele.

(Der Text des Märchens entspricht der Herausgabe durch den Manesse Verlag Zürich)

von Dr. med. Tönet Töndury

Quelle:  www.trilogos.ch  Archiv/ Beiträge /Reihe Ich lebe – Grenzen der Psychosomatik

 


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